Lesetagebuch

Januar und Februar 2010

In den zurückliegenden Wochen habe ich gute 500 Seiten weiter in Unendlicher Spaß gelesen und nebenbei Liebeswahn von Ian McEwan durchgelesen. Die Lektüre von Unendlicher Spaß gleicht mehr und mehr einer abenteuerlichen Wanderung ohne Karte, Kompass und Navi. Oft verirrt man sich, manchmal macht man erstaunliche, ja geradezu spektakuläre Erfahrungen und Entdeckungen, hin und wieder will man vor Erschöpfung einfach nur aufgeben und eher selten marschiert man einfach munter voran.
Die Lektüre von Liebeswahn war im Vergleich dazu wie ein Spaziergang im Nieselregen, der irgendwann beginnt zu nerven.

Zuerst zum Spaziergang: Liebeswahn, von Ian McEwan

Der Klappentext verspricht: „Meisterhaft und spannend schildert Ian McEwan, wie ein Psychopath eine Ehe zu zerstören droht.“ Nun sollte man Klappentexten nicht allzu viel Beachtung schenken, doch in diesem Fall löst der Beginn das Versprechen tatsächlich ein: Während eines Picknicks beobachten der Icherzähler Joe und dessen Frau Clarissa, wie ein Heißluftballon abstürzt. Joe eilt mit einigen anderen zu Hilfe, und der Kampf dieser Männer gegen den Ballon, der angetrieben von unberechenbaren Böen mit einem Jungen an Bord wieder in die Höhe zu steigen droht, ist mit einer unglaublichen Intensität aus Joes Sicht beschrieben. (Ich habe diese Szene im Bus gelesen und bin eine Haltestelle zu spät ausgestiegen.) Einer der Männer will nicht aufgeben. Er wird vom Ballon an einem Seil hängend in die Höhe gerissen… und fällt später in die Tiefe. Ich war mit Sicherheit nicht der Einzige, der beim Lesen das unheimliche Gefühl hatte, Zeuge dieses Alptraums gewesen zu sein.
Anschließend wird Joe von einem der Helfer verfolgt. Eigentlich geht es um einen klassischen Fall von Stalking. Leider tendiert Joe dazu, uns die Herkunft (!) seiner Gefühle oder Gedanken wissenschaftlich erklären zu müssen. Das klingt dann zum Beispiel so: „Mühelos fiel es mir ein, in einem Geistesblitz präverbalen Denkens, der Beziehung und Struktur auf einmal erfasst.“ An einer anderen Stelle lernt man, dass, sobald man seine Stirn in Falten legt, um sich etwas in Erinnerung zu rufen, „magnetresonanztomographisch eine rege Tätigkeit im Hinterhauptslappen“ nachweisbar ist. Und das interessiert mich wirklich nicht, lenkt vom Geschehen ab und macht es schwierig, mit Joe mitzufühlen. Dieser Mensch, der über so sagenhaft viel theoretisches Wissen verfügt, hat mich irgendwann schlicht nicht mehr berührt. Der akademische Stil, mit dem McEwan seinen Icherzähler vor allem zum Ende hin nicht erzählen, sondern dozieren lässt, hat mich eher an den Stil einer Diplomarbeit, nicht aber an einen Roman erinnert.
Nein, mit Abbitte oder Saturday kann Liebeswahn nicht mithalten.

Nun zur Wanderung, zu Unendlicher Spaß von David Foster Wallace.

Im Novembereintrag hatte ich unter anderem geschrieben: „Der Weg ist das Ziel.“ Und: „Ich bin dennoch begeistert.“ (Trotz aller sprachlichen und inhaltlichen Hürden.)
Im Dezembereintrag war ich kritischer, mein Urteil lautete: „Es ist nicht unbedingt ein Krampf, dieses Monstrum von Buch zu lesen, aber es ist auch nicht so, dass es wirklich ein Vergnügen ist.“ Außerdem habe ich vom Übersetzer geschrieben, der laut SZ vom 16.12.09 auf Seite 706 weinen musste. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, mindestens bis Seite 706 zu lesen.
Und ich habe es geschafft. Ob ich auch geweint habe oder was auf Seite 706 überhaupt beschrieben wird, dazu mehr am Ende dieses Eintrags.
Ein Krampf ist die Lektüre eigentlich schon lange nicht mehr. Zwar passiert es noch immer regelmäßig, dass man mehrere Seiten lang einfach nicht weiß, worum es geht oder ob das Erzählte irgendeinen Bezug zu irgendeinem Handlungsstrang hat. Dafür weiß man inzwischen, dass die Entschädigungen für solche Lesestrapazen nie lange auf sich warten lassen. Und bei diesen Entschädigungen handelt es sich um die anfangs erwähnten spektakulären Erfahrungen und Entdeckungen, die diesen Klotz zu einem einzigartigen Leseerlebnis machen.
Zwei Beispiele:
Auf den Seiten 432 ff hat ein gewisser Tony Krause, von dem ich sonst nicht viel weiß, Entzugserscheinungen. Tony sitzt sehr lange (mehrere Tage lang) auf Klo und muss die ganze Zeit „scheißen“. Er findet auch irgendwann die Lösung, warum er ohne Nahrungsaufnahme so lange und viel „scheißen“ kann: „Die Zeit selbst war Scheiße geworden.“ Das Bild, wie er am Ende dieser Orgie aufsteht und seine durch „die Pfützenbildung um seine Knöchel herum beschämend zerknitterte Hose“ hochzieht, wird man so schnell nicht wieder los. Zwei Seiten später verschluckt er seine Zunge und beißt demjenigen, der sie herausholen möchte, die „behandschuhten Finger sauber ab, so dass er wieder gummiverpacktes Fleisch im Mund hatte.“ Im Vergleich zu dieser Schilderung lesen sich auch die härtesten Passagen aus Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wie eine Sams-Geschichte.
Das andere Beispiel ist die Szene, bei der der Übersetzer immer wieder weinen musste. Geweint habe ich zwar nicht, dennoch gehört diese Szene zum Unvergesslichsten weil Grausamsten, was ich überhaupt je gelesen habe.(1) Ein junger Mann wird von nationalistischen Rollstuhlattentätern (!) umgebracht: Zuerst wird er auf einem Stuhl sitzend nach hinten gestoßen, der Mund wird ihm aufgerissen, „bis die Kiefersehnen reißen“, und spätestens in diesem Moment macht man sich als Leser auf Einiges gefasst. Aber nicht auf das, was dann geschieht. Ich möchte es hier weder zitieren noch wiedergeben. Es reicht zu wissen, dass die Rollstuhlattentäter für die Hinrichtung den Stil des Besens, mit dem der junge Mann zuvor geputzt hat, benutzen. Und natürlich wäre es im Universum eines solchen Autors zu primitiv, ein Opfer einfach bloß totzuprügeln.
Die vor allem im Dezembereintrag erwähnten Fußnoten finden sich übrigens weiterhin auf fast jeder Seite. Sie kommen mit geradezu unerhörter Lässigkeit daher und vermitteln im Gegensatz zu anderen Romanen keineswegs den Eindruck, hier möchte jemand eine Art akademischen Roman schreiben. Um Missverständnissen vorzubeugen sei darauf hingewiesen, dass die Fußnoten unbedingter Bestandteil des Romans sind. Die Fußnote 110 umfasst 24 Seiten, davon zwanzig Seiten reinen Dialog. Charmanterweise hat die Fußnote 110 selbst 12 Fußnoten. Erwähnenswert sind auch die Fußnoten 117 und 119, die jeweils mit den Worten „Es hätte den Rahmen gesprengt zu erwähnen…“ beginnen.(2) Aber eigentlich sind alle Fußnoten erwähnenswert.
So viel vorerst zu Unendlicher Spaß. Fortsetzung folgt bestimmt.

 


(1) Es gibt eine Passage in Mister Aufziehvogel von Haruki Murakami, die hält hier mit. Und Glamorama von Easton Ellis hat auch Vergleichbares zu bieten.

(2) Der Roman selbst hat inklusive Fußnoten 1545 Seiten.