Lesetagebuch

Dezember 2009

Folgende Werke haben in den zurückliegenden vier Wochen 1.) mir die Zeit geraubt, 2.) mich einfach nur beglückt und 3.) mich gnadenlos verwirrt.

Es handelt sich um folgende Werke:
1.) Der letzte Weynfeldt von Martin Suter
2.) Krieg und Frieden von Tolstoi, gelesen von Ulrich Noethen
und…
3.) … Unendlicher Spaß von David Foster Wallace

Warum mir Martin Suter die Zeit geraubt hat oder das letzte Wort zu Der letzte Weynfeldt

Sutter„Du sollst kein Mitleid haben mit denen, die dich verraten und betrügen und verarschen.“

Das sagt die Protagonistin Lorena zum Protagonisten Adrian Weynfeldt wenige Seiten vor Schluss. In diesem einen Satz ist das erste Problem, das ich mit diesem Roman habe, wundervoll zusammengefasst: Denn Weynfeldt merkt wirklich nicht, dass Lorena ihn fast 300 Seiten lang „verraten und betrügen und verarschen“ will. Und so dumm oder naiv oder verliebt kann man gar nicht sein, dass man das nicht merkt. Und wenn der Protagonist eines Romans doch so dumm und naiv und verliebt ist, dann interessiert er mich irgendwann nicht mehr. Das zweite Problem war Lorena selbst: Am Ende entschuldigt sie sich bei Adrian, er sei schließlich immer „so anständig“ gewesen, und dann beginnt sie so hemmungslos zu heulen, wie es hemmungsloser nicht mehr geht. Als Leser möchte man dann auch heulen. Nicht aus Anteilnahme, sondern weil es einen so gleichgültig lässt. Schließlich hat der Autor uns nichts über Lorena erzählt. Nur dass sie gut aussieht, sich umbringen will (warum eigentlich?), Adrian verrät, betrügt und verarscht und offensichtlich gern, gut und viel fickt.
Nein, Der letzte Weynfeldt kann nicht mithalten mit Der perfekte Freund und Auf der dunklen Seite des Mondes. Zwei Romane, die wirklich Spaß gebracht haben. Vielleicht war Der letzte Weynfeldt aber auch einfach ein Roman zu viel von Martin Suter.

Einfach ein Glücksfall der Weltliteratur: Krieg und Frieden

Krieg und Frieden

Das erste Mal, dass ich mit Krieg und Frieden in Berührung kam, liegt ein gutes Vierteljahrhundert zurück. Als ich zehn Jahre alt war, versammelte sich meine Familie bei meiner Großmutter und wir taten das, was damals noch ein echter Höhepunkt bei Familienzusammenführungen war: Wir guckten fern, und zwar den ganz besonderen Film (Vom Winde verweht, Dr. Schiwago, etc.), der auf einem der drei existierenden Sendern lief (und ohne Werbung, dafür aber mit Abspann gezeigt wurde). Anschließend schaltete man den Fernseher aus und sprach über den Film. So war es meistens, doch bei Krieg und Frieden war es anders: Ich hatte nämlich nicht ertragen, wie auf dem Russlandfeldzug ein geschwächter Kriegsgefangener erschossen wurde und sein Hund zu jaulen begann. Ich brach in Tränen aus, zog mich daraufhin ins Schlafzimmer meiner Großmutter zurück und heulte dort weiter.
Ein gefühltes Leben später arbeitete ich in Hamburg ein halbes Jahr lang in der ambulanten Krankenpflege. (Die Erfahrungen, die ich in diesem halben Jahr gemacht habe, habe ich im Roman Das Zimmer der Mutter verarbeitet.) Einen Monat lang war ich, der ich in Lokstedt wohnte, in Volksdorf eingesetzt. Fahrzeit mit der U-Bahn vierzig Minuten. Ich empfand es wie ein Geschenk. Denn so kam ich dazu, 80 Minuten am Tag Tolstoi lesen zu dürfen. Krieg und Frieden war ein grandioses Leseerlebnis von der ersten Seite an. Wahnsinn. Natürlich las ich später auch Anna Karenina. Und war hingerissen.
Nun also schon wieder Krieg und Frieden. Gelesen in 67 Stunden (auf 53 CDs) von Ulrich Noethen. Ich war nervös, als ich zu hören begann. Vor allem weil ich inzwischen viele Stimmen kenne, und mich sowohl Klaus Kinski (Dostojewski und Villon) als auch Christian Brückner (McCarthy), Ulrich Pleitgen (Steinbeck), Sebastian Koch (Schnitzler), Rufus Beck (Murakami) und Ulrich Matthes (auch Murakami) als Sprecher überzeugt haben. Aber Ulrich Noethen… den kannte ich nicht.
Jetzt kenne ich ihn. Und er reiht sich oben ein. Einfach mitreißend, wie er den Hörer an der Welt Tolstois teilhaben lässt und Pierre und Andrei und Natascha und all die anderen zum Leben erweckt. Von seiner Kraft hat der Roman nichts verloren in den zurückliegenden Jahren. Dass ich das so und nicht anders sehe, hängt vermutlich kausal mit meiner aktuellen Hauptlektüre zusammen. Krieg und Frieden ist im Vergleich zu Unendlicher Spaß wie eine Gehirnmassage, die man dringend benötigt, um sich auf abenteuerliche Wortakrobatik, eigenwillige Figurenzeichnung und Fußnoten im Umfang von Erzählungen einzulassen. All das hält nämlich


Unendlicher Spaß

parat.
Ich komme mir inzwischen vor wie ein Marathonläufer, der bereits nach sieben Kilometern seinen ersten Wadenkrampf hat. Dabei ist es nicht unbedingt ein Krampf, dieses Monstrum von Buch zu lesen, aber es ist auch nicht so, dass es wirklich ein Vergnügen ist. Dass es oft eher zermürbend ist, liegt unter anderem an den Fremdwörtern, die Wallace einstreut wie ein zu scharfes Gewürz… und manchmal streut er ein wenig zu viel. Unverdaulich wird es, wenn solche Fremdwörter oder Wortschöpfungen Teil eines Dialogs sind oder plötzlich in einem Dialogfetzen bzw. einem kurzen Monolog einer nicht näher bestimmten Figur wie aus einem Hinterhalt auftauchen. Und plötzlich stehen sie dann da, Wörter wie zum Beispiel „Ergotisten“, „varizellform Eruptiven“, „Kaposi-Sarkomisierten“, „Ihr … mit lykanthropen Haarwuchs“ oder „Mikrozephalen“, Wörter, die sich auf jeder Seite, ja in jedem Absatz finden lassen und die dazu führen, dass man sich doch irgendwann fragt, was das eigentlich soll. Ob da einfach ein Angeber geschrieben hat, der mit seinem Fremdwörterlexikonwissen prahlen will. Oder der beim Schreiben die Crème de la Crème der internationalen Literaturkritik, die er durch eine für den Normalakademiker zum Teil nebulös bleibende Wucht der Wörter beeindrucken wollte, im Auge hatte. Dann, als weitere Hürde, gibt es auch einfach mal zwanzig Seiten ohne Absatz, also ohne formale Orientierungspunkte. Und plötzlich ist ein Kapitel in irgendeinem Dialekt oder einem Soziolekt geschrieben, in den man sich erst einlesen muss.
Aber manchmal bietet die Lektüre dann doch noch nie Gelesenes und Verständliches, und das sind die Momente, in denen man den Eindruck hat, dass hier jemand so etwas geschrieben hat wie einen modernen Ulysses. Einen Roman, über den sich die Menschen in hundert Jahren noch den Kopf zerbrechen werden und an dessen Rang in der Weltliteratur nie jemand zweifeln wird. Dazu gehören die vielen Seiten über „exotische Erkenntnisse“, die man in Entzugskliniken erlangt, oder über den Ursprung und die Folgen von Tätowierungen. Nicht, dass man den Eindruck hätte, es gäbe wie aus dem Nichts so etwas Ähnliches wie einen Handlungsstrang, dennoch lesen sich diese Passagen wie in einem Rausch und man hofft, dass es immer so weitergehen möge. Es ist übrigens der erste Fußnotenroman, den ich lese. Auf den ersten 280 Seiten gab es bereits 75 Fußnoten (von insgesamt 388), die in der Regel nicht dazu dienen, die Fremdwörter zu erklären, sondern die Teil des Romans sind und oft die Figuren nuancierter charakterisieren. Wobei ich noch immer nicht genau weiß, ob sich die Figuren irgendwann entwickeln oder ob sie einfach nur der Boden sind, auf dem Wallace seine sprachlichen Purzelbäume schlagen kann. Dass oft ein Handstandüberschlag dabei ist, der die Purzelbäume in eine Kür verwandelt, ist der Grund, warum ich weiterlese. Und außerdem stand in der SZ vom 16.12.09 in einer Reportage über den Erfolg dieses Romans, dass es sich erstens um ein „literarisches Riesenwerk“ handele, und dass zweitens der Übersetzer auf Seite 706 immer wieder weinen musste… und bis dahin möchte ich es mindestens schaffen. Vielleicht vermag es Unendlicher Spaß dann ja tatsächlich, mich auch emotional zu berühren. Noch überwiegt die Verwirrung.